$title =

Ian Green: Extremophile /review/

;

$Inhalte = [

Ian Green: Extremophile
Head of Zeus Ltd, UK 2024.

Auch Buchjunkies jagen auf ewig dieses erste High: jenem Buch, das sie an die ersten, scheinbar weltverändernden Leseerlebnisse erinnert. Das Buch, dessen letzte Kapitel man immer langsamer liest, da die Angst stetig wächst, es wirklich zu beenden. Das Buch, das einen mit einem Gefühl von Liebeskummer zurücklässt, wenn es wirklich zu Ende gelesen ist. Charaktere, die einem ans Herz gewachsen sind und die man nun schmerzlich vermisst. Eine Welt, in der man scheinbar mit-gelebt hat. Extremophile von Ian Green ist eines jener Bücher. Es ist ein modernes Cyberpunk/Biopunk-Meisterwerk. Es birst vor Wut und Verzweiflung über die von uns zerstörte und ungerechte aufgeteilte Welt.

-don’t you want to burn these fuckers to the ground? Salt the earth. Mix their bones so none will know their dead.

Zum Inhalt: Charlie und Parker leben in einem kaputten und damit ganz und gar vorstellbaren London der Zukunft. Nationalstaaten-Gebilde sind implodiert. Weite Teile der Erde sind unbewohnbar geworden (2,9°C Durchschnittstemperatur über vorindustriellem Niveau). Charlie und Parker haben eine angesagte Punkband und wenn sie nicht auf der Bühne stehen oder Partys feiern, arbeiten sie als Hacker und in der Biochemie. Wir befinden uns im Zeitalter der biochemischen Veränderung, Tech-Implantate sind noch da, aber sie sind sowas von Neuromancer – nicht der Rede wert, Alltag. In der Zukunft von Extremophile werden Körper auf molekularer, genetischer Ebene verändert, von innen heraus – ein Implantat ist da lediglich ein Aufsatz, den man am und im Körper anbringt.
Wenn Charlie und Parker keine Bandprobe haben, feiern, oder auf der Bühne stehen, erledigen sie genretypisch Aufträge für unterschiedlichste Auftraggeber. Hacking, biochemische/genetische Veränderungen, was man halt so macht im Cyberpunk. Schließlich lassen sie sich mit den ganz Großen ein, wollen im Rang aufsteigen, einer der  möglicherweise eine Nummer zu groß für sie werden könnte. Dieser neue gefährliche Job und diese neuen undurchsichtigen Auftraggeber:innen  bilden schließlich den Plot dieses atemlos erzählten, sprachlich anspruchsvollen, mitreißenden Romans.

Inhaltlich wie sprachlich ist Extremophile eine Hommage an den Urvater Neuromancer. Wie schon William Gibson 1984 in seinem zum Mythos gewordenen Debütroman erfreut man sich auch 2024 an einer lyrisch-vielschichtigen, oftmals verrätselten Techsprache, gespickt mit zahlreichen Neologismen. Die Sprache spiegelt hier die Handlung: dort die Punkbands auf der Bühne, hier die schnelle, abgehackte, an Songlyrics erinnernde Sprache.

The word for world is mine. Awa knew the world was the mine. In theory there was beyond, but the reality of every moment waking sleeping dreaming was the same.

Extremophile ist ein weiterer (markanter, preisgekrönter) Beleg dafür, dass Cyberpunk der neue heisse Scheiss ist. In allen relevanten SciFi-Literaturmagazinen (Lightspeed, Asimov’s, Analog, Clarkesworld) des beginnenden Jahres 2026 finden sich ebenfalls Kurzgeschichten, die das Sub-Genre variieren. Der Kreis zur Genreinitiierung wird sich dieses Jahr schließen, wenn AppleTV William Gibsons Neuromancer auf die Bildschirme bringen wird. (Die bittere Ironie, dass eine Tech-Megacorporation diesen übereinflussreichen Cyberpunk-Roman adaptiert, der eine Warnung gegen Tech-Megacorporations darstellt … das ist eine Geschichte für ein anderes Mal.)


Der neu aufgeblühte Erfolg des Cyberpunks erscheint nur zwingend. Erlebten die 1980er immense Veränderungen durch den Siegeszug der Homecomputer, so sind es in den 2020ern die tektonischen Verschiebungen durch die immer besser werden LLMs, die in einer derart rasanten Geschwindigkeit Kunst, Kultur, Arbeitswelt, Realität, Bildung, everything verändern, das einem nur schwindlig werden kann. Geopolitisch bricht vor aller Augen eine lange stabile Weltordnung zusammen, etablierte Bündnisse schwinden. Techmilliardäre als neo-aristokratische Klasse, die bereits jetzt quasi auf einem anderen Planeten lebt (Cyber-Longevity, kein Interesse an Staatenbünden oder deren Gesetzgebung) während der Pöbel auf den versmogten Straßen an Fentanyl verreckt. Und ja, Kids, nicht zu vergessen die bereits spürbaren Auswirkungen des Klimawandels, die ehemals bewohnbare Gebiete in Todeszonen verwandeln, extreme Wetterphänomene normal werden lassen — all das sind exakt die düsteren Themen, an denen sich Extremophile auf aufwühlende Weise abarbeitet:

What right do we have, to do this violence? Ask yourself that. We have the right of a creature backed into a corner, water rising on one side, fire raging on another. Such a creature does not look to law.

Die Lektüre dieses durch und durch düsteren Romans bestärkt mich ein weiteres Mal in meiner Ansicht, dass wir längst in einer realisierten Cyberpunk-Dystopie leben. Diese als kaputt wahrgenommene Welt und die epochalen Hochgeschwindigkeits-Veränderungen durch KI: das begründet den erneuten Erfolg dieses Neo-Cyberpunks in unserer Gegenwart mehr als ausreichend.

Dieser Roman steht immer mit einem Bein im Nihilismus. Charlie teilt die Menschen in drei Gruppen ein: die Blues, die Greens und die Blacks. Blacks sehen keine Hoffnung mehr. Der Planet und die Spezies sind am Ende. Es kann keine Rettung geben. Blues sehen alles ganz entspannt: sie nutzen die bewachten und bewohnbaren Zonen zu ihrem Vorteil, sie sind privilegiert und haben nach wie vor gute Apartments und künstliches Reagenzglas-Fleisch. Stichwort: Techmilliardäre. Die Greens sind die hoffnungslosen Idealist:innen. Sie gehen zu Demos und veranstalten Demos für ein besseres und gerechteres Zusammenleben, sie betätigen sich sicherlich auch als Ökoterrorist:innen: alles für einen besseren Planeten und ein besseres Zusammenleben.

Das Kunststück dieses Romans ist tatsächlich, dass dieser horrible Nihilismus mit einer versöhnlichen, gar optimistischen Note endet. Wir werden nichts retten können, aber wir können füreinander da sein, uns um einander kümmern, unsere Freunde, unsere Familien. Das war so ein simpler wie profunder Schluss, der mich wie selten ein Buch durchgerüttelt hat. Und so schließt dieser Bericht mit den letzten Worten des Nachworts, die lange in mir nachgehallt haben:

To anyone who has made it this far, thank you for reading. Go listen to some tunes, go touch a tree, watch a bird fly. Allow yourself the certainty of hope.

„Allow yourself the certainty of hope.“ Lasst das einfach mal wirken.


Extremophile, ein wahrlich perfekter, unvergesslicher Roman.

***** (5/5)

];

$Verabredung =

;

$category =

, ,

;

$author =

;