Project Hail Mary.
Regie: Phil Lord & Christopher Miller.
USA 2026.
156 Minuten.
Project Hail Mary.
Ist das ein charmanter, unterhaltender Film für die ganze Familie? Ja.
Ist es ein guter, tonal stringenter Science-Fiction-Film? Nicht wirklich.
Hier sind ein paar der Probleme, die ich trotz aller guten Unterhaltung ausgemacht habe:
- Die großen Vorbilder: Hail Mary zitiert explizit/filmbildlich sowie thematisch/inhaltlich unter anderem folgende Vorbilder: Carl Sagan/Robert Zemeckis: Contact. Christopher Nolan: Interstellar. Stanley Kubrick: 2001 – A Space Odyssey. Denis Villeneuve: Arrival. Steven Spielberg: E.T. Die Diskrepanz hier liegt ja auf der Hand: alle Vorbilder sind deutlich besser als dieser wilde und nicht wirklich originelle Remix, den Hail Mary darstellt. Es wirkt so, als würde sich der Film ganz dolle auf die Zehenspitzen stellen, um bei den ganz Großen mitspielen zu dürfen. Hail Mary bleibt aber doch immer nur Zaungast, der sich an bestehende Erzählungen andockt, die gleiches bereits deutlich besser aufbereitet haben. Die deutliche Mehrheit reagiert ja sehr positiv auf Hail Mary und seine herzerweichende „uplifting message“, und genau das tut der Film ja auch sehr gut und family friendly, erinnert dadurch wohlig an eine klassische Ära des Hollywoodfilms. Warum aber tut er dann aber gleichzeitig so, als spielte er in der A-Liga von Arrival, Contact, Interstellar, 2001 – A Space Odyssey?! Sich bei den ganz Großen einzureihen ist hier vermessen und klar eine Nummer zu hoch gegriffen.
- Andy Weirs Hard Science Fiction: Im Vorgänger The Martian retten Naturwissenschaften einen Protagonisten, der auf dem Mars gestrandet ist. Im aktuellen Film versucht wissenschaftliche Genauigkeit gleich ganze Sternensysteme zu retten. Andy Weir (Mutter: Elektroningeneurin, Vater: Physiker, Selbst: Computerwissenschaftler, Programmierer, SciFi-Nerd) steht ganz klar für diesen Fokus auf wissenschaftliche Treue und Genauigkeit. Schon in The Martian, den ich in dieser Hinsicht übrigens deutlich konsequenter, stringenter, origineller und im Ton entschiedener fand, sind die Wissenschaften und der wissenschaftliche Prozess bereits der eigentlich Star des Films. Verständlicherweise hat Andy Weir nach seinem Debüterfolg das wieder zu reproduzieren versucht. Diese Wissenschaftstreue wird in Hail Mary aber nun, sagen wir einmal, freier aufgefasst. So erscheint im Filmverlauf das riesige Alienschiff. Ryan Goslings Astronaut-wider-Willen möchte schnell davonfliegen. Das ist witzig und charmant, geschenkt. Dennoch ist genau hier der Moment, wo der Film das wissenschaftlich Akkurate der Hard-Science-Fiction verlässt (für die Weir auch steht), und in das Fahrwasser des Comic-haften gerät: das Raumschiff des Astronauten fliegt ohne jegliche Beschleunigung, ohne irgendwelche Schubzeiten einfach los, um zu entkommen. Kein Objekt dieser Größe wird sich jemals auf solche Art bewegen können, auch nicht mit diesen astrophagischen Antriebszellen. Das noch viel größerere Alien-Raumschiff setzt nun zusätzlich mit der gleichen fehlenden Zeitverzögerung nach, um sich wieder vor das kleine Raumschiff zu setzen. Dieses witzige Katz- und Mausspiel wiederholt sich dann ein paar Mal. Das sind keine Bleistifte, die man auf einem Tisch hin- und herschiebt (aber tatsächlich sieht es genau so aus), das sind asteroidengroße Weltraumgefährte. Sicher, der Comiceffekt kam gut an, auch ich musste kichern. Aber wir sprechen hier ja von Diskrepanzen. Der Film oszilliert mühelos zwischen SciFi-Wissenschaftstreue und albernem Comic hin und her. Das goutiere ich einfach nicht und stelle fest, dass ich bin bei meinem Lieblingsgenre der Science Fiction, und bei der Erwartung, die ich dadurch an einen solchen Film habe, gänzlich spaßbefreit bin.
- Dann lasst uns doch mal in allseits beliebte Trigger-Thematiken einsteigen: Die MINT-Fächer und die Männer. Es ist schon interessant zu beobachten, wie normalisiert auch hier in Hail Mary reproduziert wird, dass die Naturwissenschaft, das Technische, die Astrophysik, die Raumfahrt männlich konnotiert ist, und es fällt scheinbar niemandem auf. Das Gegenstück kann man sich ja mal ausmalen: man stelle sich nur vor, die Filmproduktion hätte eine starke weibliche Astronautin eingesetzt – Omg! Viel Spaß beim Shitstorm und beim review bombing. In Hail Mary geschieht das nicht, hier ist die Welt in ihrer konnotativen Verzahnung aus Technik, Weltenrettung und Männlichkeit noch ganz und gar in Ordnung. Und so erfreuen sich alle ohne jegliches Störfeuer daran, wie uplifting und süß die Erzählung ist, wie tränenreich die Freundschaft zwischen Mensch und Felsen-Alien. Hail Mary ist da ja in guter Tradition. Auch (aber sicher nicht ausschließlich) im Vorgänger The Martian rettet sich der männliche Naturwissenschaftler mit seinem logisch-deduktiven Vorgehen sein eigenes Leben. In Hail Mary rettet selbiger Topos gleich ganze Sternensysteme (letztendlich ja doch nur zwei: die alte terrestrische Sonne, und die neue außerirdische – eine sehr realistische Konklusio. Die anderen Sonnen kommen nicht mehr zur Sprache).
Auf die Spitze getrieben wird diese Verzahnung von ‚Männlich‘ mit Technik/Forschung von unserem Felsenfreund, dem Rocky getauften Alien. Ein intelligenter Felsen wird hier unhinterfragt männlich gelesen. Das muss man sich wirklich auf der Zunge zergehen lassen. Niemand scheint sich daran zu reiben. Unsere verinnerlichte Zweigeschlechtervorstellung wird hier doch tatsächlich auf einen Felsen übertragen. Aber nur auf diese Weise funktioniert der Film natürlich – es ist ja irgendwie auch ein buddy movie, der ja qua definitionem ein male buddy movie ist. Würde man Rocky weiblich lesen (was selbstredend genau so grotesk wäre), wären wir ja im Gebiet der romantischen Komödie – weird.
Eine Welt, die wie selbstverständlich Raumfahrt/Technik/Weltenrettung mit Männlichkeit konnotiert, verinnerlicht natürlich auch die Heteronormativität: In einer dementsprechend hochinteressanten Szene, in der das Alien Rocky von seinem Partner von 128 Jahren berichtet, muss diesem anderen Felsen ein Name in unserer Sprache zugeordnet werden. Der Astronaut (Ryan Gosling) wählt schließlich Adrian, in Anlehnung an Adrianna „Adrian“ Balboa, dem love interest des Boxers Rocky. Der Felsen: Rocky. Rocky Balboa: der Boxer. Adrian, die Geliebte des Boxers. Der männlich gelesene Felsen bekommt hier also ein weibliches Felsen-Pendant zugeschrieben. Rocky, dem Felsen kann man das nicht zum Vorwurf machen, seine Spezies kommuniziert gänzlich anders, mit Bewegungen und niederfrequenten Tönen. Dem Astronauten und damit unserer Art jedoch schon. Dem Felsenmann wird hier selbstredend eine Felsenfrau zugeschrieben. Das dürfte gerne kritischer diskutiert werden. - Ich bin, obwohl ein beinharter Science-Fiction-Nerd, ganz offensichtlich nicht die Zielgruppe für Andy Weirs Bücher und seine Filmadaptionen. The Martian ist zwar ein besserer, stringenterer und auch deutlich originellerer Film, aber auch der hat mich schon nicht aus den Socken gehauen. Bei diesem Fokus auf wissenschaftlicher Deduktion geht einfach viel an eigentlich relevanter Story verloren, etwa von Menschen und ihren Beziehungen zueinander und so. Hier im Film kommt nun eine weiterer Störfaktor hinzu, und zwar eine seltsame religiöse Metaphorik. Das Project Hail Mary. Der Astronaut, der mit Nachnamen/Spitznamen Grace heisst. Die Teamchefin, gespielt von Sandra Hüller, die konstatiert: „So Gott will!“ und auf Nachfrage ihren Glauben bezeugt. Hier würde ich tatsächlich gerne das Buch nur für den Vergleich lesen, wie sich die Vorlage hierzu verhält. Ich nehme es hier im Film (im Genre der Wissenschaft fetischisierenden SciFi) einfach nur als weiteren Störfaktor wahr. Der liebe Gott wird die Sonnen schon retten.
- Ryan Gosling als Astronaut in diesem Film läuft viele, viele Lichtjahre von der Erde entfernt auf einer Raumstation herum, als wäre er in einer coolen Komödie in New York: gutaussehend wie immer, mit schief sitzender Brille, Hoodie mit Kapuze auf dem Kopf. Auch wieder eine dieser Diskrepanzen. Was soll das? Diese seltsam lockere, verpeilte Erscheinung und das kumpelhaft-jugendlich-kindliche Verhalten des Astronauten-wider-Willen spiegelt exemplarisch die tonale Unentschlossenheit dieses Films, der sich nicht entscheiden kann, ob er nun Sonnensystem-rettende Space Opera sein will, oder lockere Teeny-Buddy-Komödie. Es passt irgendwie alles nicht so ganz zusammen.
- Nicht jeder in meiner Filmgruppe an diesem Kinoabend war dem Film gegenüber so kritisch eingestellt wie ich. In einem waren sich aber alle einig: der Film ist deutlich zu lang. Man könnte den Film fast 30 Minuten straffen und seine Lauflänge würde immer noch 2 Stunden betragen. Gerade aus den letzten Kapiteln hätte man jeweils ganze Chunks entfernen können, ohne dem Film inhaltlich etwas zu nehmen.
- Der Erfolg von Project Hail Mary bei Kritiker:innen und Zuschauer:innen (sogar bei der letterboxd-Community erreicht der Film eine unglaubliche 4,4 im Bewertungsmittel) überrascht mich schon. Hail Mary ist ein gut gelaunter, charmanter Film für die ganze Familie, den man gerne an einem Sonntagabend zusammen im Kino genießen kann. Das ist natürlich per se nichts Schlechtes. Ryan Gosling trägt den Film, und auch Sandra Hüller tut ihm wirklich gut. Hail Mary ist aber auf der anderen Seite kein wirklich guter, ‚ernsthafter‘, origineller Science-Fiction-Film, für den die meisten ihn aber offensichtlich halten und für die der Film auch sich selbst, in dieser Anlehnung an die ganz Großen, hält.
- Das klingt nun alles sehr negativ. Bei allen genannten Kritikpunkte gebe ich dem Film dennoch eine solide 3/5. Das hier viel kritisierte Massentaugliche begründet ja gerade seinen Erfolg. Kann man schon mal machen.
- 3/5. Gut.
