42 Jahre nach Erscheinen von William Gibsons kultisch verehrtem Cyberpunk-Monolithen wird die Welt durch neue Technologien erneut in einer heftigen Disruption umgewälzt. Höchste Zeit also, sich diesem prophetischen Werk zu widmen und Neuromancer zu lesen.
In einer nahen, kaputten Zukunft, regieren große supranationale Corporations die Welt. Protagonist Case, ein Cyberspace-Cowboy erledigt eigentlich Jobs für diverse zwielichtige Auftraggeber im Cyberspace: Hacking, digitale Diebstähle – das Übliche. Als er sich jedoch einmal selbst ein paar Prozente als Provision abzweigt und erwischt wird, wird er zwar nicht getötet, seine Nervenbahnen werden chemisch jedoch so zerstört, dass er sich nicht mehr einloggen kann und demnach keinen Anschluss mehr an die körperlose Freiheit der Matrix hat. Case driftet nun also richtungslos und auf Aufputschmitteln durch die Bars und Straßen der neonleuchtenden Straßen von Chiba, einer babylonisch anmutenden, neonbeleuchteten Stadt bei Tokio. Hier trifft er schließlich auf die geheimnisvolle Ninja Molly und deren undurchsichtigen Auftraggeber Armitage, der unserem Protagonisten einen Job anbietet, den er nicht ablehnen kann: zurück in den Cyberspace für einen (reichlich undurchsichtigen) techno-heist, der sie rund um den Erdball und auf eine Raumstation führen wird. Wer ist dieser Armitage wirklich ? Was ist dieser Job tatsächlich? Wer ist der echte Auftraggeber im Hintergrund? Mit diesen Rätseln entfaltet sich im Folgenden die berühmt gewordene hardboiled detective cyberpunk story.
Das faszinierendste an Neuromancer ist sicherlich sein prophetisches Potenzial. William Gibson hat mit diesem Debütroman buchstäblich die PC- und Internetkultur der 1990er und 2000er imaginiert und vorgeschrieben – wenn er sich auch immer davor verwahrt, Prophet genannt zu werden: „Ich sehe die Zukunft nicht voraus, es fühlt sich nur so an. Ich versuche lediglich, literarischen Naturalismus auf ein Genre anzuwenden, das in seinen Beschreibungen zuvor immer sehr vage geblieben ist.“ Dennoch bleibt die Festschreibung zahlreicher Konzepte: Cyberspace (imaginiert als Ort, den man virtuell betreten kann) / Matrix / die KI’s / die supranationalen Megakonzerne, die außerhalb der Gesetzgebung agieren / die PC- und Cyberspacekultur / die krasse ökonomische Ungleichheit / die kaputte Umwelt. Say what you will, William, aber hier wurde buchstäblich die Zukunft prophezeit.
***
42 Jahre nach Erscheinen des Romans erleben wir erneut eine heftige Umbruchphase, live und in gefühlter Lichtgeschwindigkeit. Die Rede ist natürlich vom durchschlagenden Erfolg der Large Language Models, also der Technologie, die (fälschlicherweise!) KI genannt wird. KI’s spielen neben dem Cyberspace auch in Neuromancer eine zentrale Rolle. Anmerken möchte ich jedoch, dass die Vorstellung, die William Gibson (und grundsätzlich alle Science Fiction und die Wissenschaft) von KI hatte, eine durch und durch romantische Vorstellung dieser Technologie gewesen ist: KI wird hier als eine singuläre, selbst-bewusste Entität imaginiert, übermenschlichen Göttern gleich und mit Agency ausgestattet. Die LLMs unserer Gegenwart sind das ganz sicherlich nicht. Ihr Siegeszug begründet sich darin, dass diese Sprachsimulanten in der Lage sind, Humanoide glauben zu lassen, sie hätten ein Eigenleben. Ihr Siegeszug begründet sich möglicherweise auch in der ureigensten Faulheit unserer Spezies. Schüler, die ihre Hausaufgaben nicht mehr selbst schreiben müssen, Studierende, die Hausarbeiten generieren lassen. KI’s bleiben aber stets stochastische Papageien ohne jegliches inhaltliches Verständnis, glorifizierte Suchmaschinen und Datenaufbereiter. Die bittere Ironie dabei ist vielleicht, dass diese ohne Prompts eigentlich doofen Papageien dennoch Kunst und Kultur, Arbeitsleben und Internet umzukrempeln und auszuhöhlen vermögen, dass die Rechenzentren viel Raum einnehmen, dass sie Rohstoff- und Speicherkrise auslösen und unfassbare Mengen an Wasser und Energie verbrauchen. Sie sind aber eben nicht die übermenschliche KI Wintermute aus diesem Roman, sie sind nicht HAL aus 2001. Ich argumentiere daher, dass William Gibsons Neuromancer die Zukunft seiner kommenden Jahrzehnte frappierend genau und umfassend vorhersagen konnte – bis zu eben jenem Aufkommen von ChatGPT, Claude, Perplexity, Gemini & Co. Wir verlassen nun Gibsons Zeitalter eines ‚Himmels mit der Farbe eines Fernsehers, der auf einen toten Kanal geschaltet war‘, und treten in eine neue technologische Ära ein. Prognose: entspannter wird es nicht werden. Für alle Menschen da draussen, die das Gefühl haben, sie würden mit einer quasi-intelligenten Maschine „reden“, habe ich hier ein wichtiges Video:
***
Die „Farbe des Fernsehers, der auf einen toten Kanal geschaltet war“ stellt ein gutes Stichwort dar. Im Jahr 2026 ist Neuromancer ein faszinierender Mix aus akkurater Prophetie bei gleichzeitig gänzlich veralteter Technologie. Gibson prognostizierte zum einen die Zukunft, zum anderen war er natürlich ein Kind seiner analogen Zeit, über die nun die aufkommenden Computertechnologien hereinbrachen. Der berühmte erste Satz verdeutlicht sogleich die noch vorherrschende Dominanz des Massenmediums Fernsehen zu dieser Zeit. Neuromancer imaginiert zwar die virtuelle Realität, imaginiert den Cyberspace, ist aber durchdrungen von der Ästhetik und Logik des Fernsehens. Überall sind da Bildschirme, es knistert und flimmert, alles befindet sich im halbdunklen Schein der Fernsehschirme und Neonröhren. Diese Diskrepanz setzt sich darin fort, dass alles in Neuromancer selbstredend verkabelt ist. Um den Cyberspace zu betreten, muss Protagonist Case stets sein Deck mit sich herumtragen, das Ono-Sendai Cyberspace VII, und dieses durch Anschlüsse an seinem Körper und an einen Computer verbinden. Alles ist hier kabelgebunden. Auf der Erde, in der Raumfähre, auf der Raumstation – man muss sich überall wie selbstverständlich erst einmal einstöpseln. Was zum einen hoffnungslos veraltet wirkt, denn wireless connections waren offensichtlich nicht vorstellbar, macht zum anderen natürlich exakt den Charme des Cyberpunk-Genres aus: diese buchstäbliche Mensch-Maschine-Verbindung, vom Computer über das Deck in den implantierten Anschluss des Humanoiden macht.
***
Neuromancer (gelesen im englischen Original) ist zum einen ein schnelles Lesevergnügen, ein echter, actiongetriebener pageturner, zum anderen aber auch sicher eines der anspruchsvolleren Werke. Neoligismen, Slang, lyrische Sprache, Verkürzungen. Hier ist aufmerksames Lesen erforderlich, wird aber auch mehr als ausreichend belohnt. Im letzten Drittel hatte mich der Roman kurz verloren, in einer sehr handlungsgetriebenen Sequenz, die Auflösung der Geschichte und der Epilog machten jene Sequenz aber nicht nur wett, sondern sorgten tatsächlich dafür, dass ich große Lust bekommen habe, Teil 2 und 3 der Trilogie nun auch zu lesen. Neuromancer wird seinem Legenden-Status mehr als gerecht und grade im Rückblick auf die 1990er und 2000er ist der prophetische Anteil des Romans unverkennbar.
Ein wichtiges Projekt ist nun also endlich abgeschlossen und eine übergroße Lücke geschlossen: Neuromancer kann nun endlich vom tbr-Stapel gestrichen werden. Die TV (!) – Adaption kann kommen.
Hinterlasse einen Kommentar